Das wird man ja wohl noch sagen dürfen | #sundaythoughts

Sonntag, Mai 24, 2020


Ich habe mich lange bedeckt gehalten. Wollte nicht anecken und schon gar nicht erst eine Diskussion entfachen. Ich hatte Angst, dass ich nicht klug genug bin. Dass ich noch zu viele Wissenslücken hätte, um mich zu äußern. Dabei war ich schon immer ein interessierter Mensch. Habe eine eigene Meinung, hinterfrage viel. Ich lese, höre, recherchiere, diskutiere. Ich will immer mehr Wissen, meinen Horizont erweitern, nicht in Schubladen denken. Gegebenheiten im “großen Ganzen” betrachten und nicht nur aus einer subjektiven Perspektive heraus.

Aber manchmal fürchte ich mich davor, diese Meinung außerhalb meiner eigenen Blase zu äußern. Weil da draußen so viel verurteilt wird. Wenn man mal das Falsche sagt, Informationen fehlen oder nicht ganz Zuende gedacht hat. Seit wann korrigieren wir nicht mehr, sondern zeigen direkt mit dem Finger? Ich will, dass das aufhört. Denn diese Angst vor Verurteilung hindert so viele Menschen daran, ihre Stimme zu erheben.

Keiner von uns hat die Weisheit mit Löffeln gegessen. 

Trotzdem dürfen wir nicht länger still sein. Nicht denen die Diskussion überlassen, die hoch komplexe Zusammenhänge außer Acht lassen und ihre Unsicherheit auf ein plausibel gestricktes Feindbild projizieren. Was ich in den letzten Wochen schmerzlich gelernt habe, ist, mich lieber der Konfrontation zu stellen, als stillschweigend undifferenzierte Behauptungen hinzunehmen. Auch wenn das zu Unruhen führt. Aber wie kann man diese in Zeiten von unzähligen Verschwörungsfantasien erkennen? Für mich eigentlich ganz einfach: Es gibt Meinungen und es gibt Fakten. Es gibt aber auch Fakten, die ohne jeglichen Zusammenhang miteinander verknüpft werden. So eng miteinander verbunden, dass es für viele Menschen “einfach nicht anders sein kann."

Meinungen, ja die müssen wir in unserer Demokratie aushalten. 

Wir müssen sie nicht verstehen, nicht unterschreiben oder gutheißen. Aber aushalten. Und das fällt mir manchmal wahrlich schwer. Trotzdem, oder gerade deswegen, müssen wir im Austausch bleiben. Auch, wenn es mal hitzig zugeht. Wir müssen uns aus unserer eigenen Blase heraus bewegen, denn nur dort können wir noch dazulernen. Jeder von uns ist anders sozialisiert worden, konsumiert andere Medien, führt unterschiedliche Gespräche und zeichnet sich dadurch eine eigene Sicht auf unsere Welt. Und gerade jetzt ist es so schwer, diese Sicht mit Fakten zu untermauern, wo wichtige wissenschaftlichen Erkenntnisse noch hauchdünn sind.

Noch vor ein paar Wochen habe ich innerlich gekocht. Ich habe wie wild recherchiert, mir Artikel gespeichert, Quellen geprüft. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass die Menschen aufhören, impulsiv Videos zu teilen, ohne diese vorher genau unter die Lupe zu nehmen. Versteht mich nicht falsch, eine kritische Auseinandersetzung mit den etablierten Medien ist äußert wichtig. Aber wieso sind viele “Systemkritiker” auf der anderen Seite so unkritisch mit ihren alternativen Medienmachern? Wieso wird dort jeder Fauxpas hingenommen und so zurechtgerückt, dass er ins eigene Weltbild passt? Hier ist mir wichtig, zu differenzieren. Die Protestler auf unseren Straßen sind sehr heterogen und sicher gibt es einige mit berechtigten Kritikpunkten. Menschen, die auf die Straße gehen, weil das Leben, wie sie es einst noch führten, so erstmal nicht mehr funktioniert. Ihnen keine Perspektive für die Zukunft geboten wird. Sie ihre Liebsten nicht mehr um sich haben oder sich nicht mal mehr von ihnen verabschieden können. Das zerreißt und macht wütend.

Ich möchte wahrlich kein Teil der Diffamierungskampagne gegen Andersdenkende sein.

Aber alleine der Begriff "Andersdenkende" ist mir nicht spezifisch genug. Bin ich auch eine Andersdenkende, wenn ich nicht jede Entscheidung unserer Bundesregierung für richtig halte? Oder sind es nur die, die auf die Straße gehen und Verschwörungs-Videos teilen? Und ist das Gegenteil von Andersdenkende dann Gleichdenkende? Oder Schlafschafe? Es ist diese Überheblichkeit, die mich stört, man selbst hätte "die Welt verstanden", während alle anderen blind hinterher marschieren. Wir sind doch keine Konkurrenten. Nicht gegeneinander. Das hier ist kein Wettkampf, wer in dieser ungewissen Zeit mehr Scheinargumente parat hat. Lasst uns aufhören, zu streiten. Aufhören, uns aufeinander anpassen zu wollen. Wir haben unser eigenen kleine Welt in unseren Köpfen und es ist nicht notwendig, sie uns gegenseitig aufzudrängen. Also wie wär's, wenn wir offen bleiben? Vielleicht wachsen wir daran. Vielleicht lernen wir dazu. Vielleicht ist das schon genug.

“Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.” 

Ja, ganz richtig. Du kannst deine Meinung sagen, vertreten, verbreiten. Das nimmt dir hier keiner weg, auch wenn diese Furcht in dir schlummert. Du machst es doch gerade. Also worüber reden wir hier eigentlich?











0 Kommentare

Lass mir gerne deine Meinung zu dem Thema da. Wenn du auf meinem Blog kommentierst, dann werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Wenn du damit nicht einverstanden bist, dann solltest du von einem Kommentar absehen.

Subscribe