Aus Wunden werden Narben

Sonntag, Juni 21, 2020


Manchmal, da brauche ich einen Moment der Ruhe. Alleine, nur mit mir und meine Gedanken. Keinen Lärm um mich herum. Und gerade dann merke ich, wie sehr mir das Schreiben gefehlt hat. Oft ist alles viel zu laut, als das ich einfach so drauf lostippen könnte. Es fällt mir schwer, mich auf das zu besinnen, was das Schreiben so besonders macht: Meine Gefühle. Die Art von Gefühlen, die ich nicht gern offen lege. Viel zu oft spielen wir die Starken. Die, die alles im Griff haben. Wir schützen uns mit einer taffen Attitüde und daran ist nichts verwerflich. Doch wir alle sehnen uns nach Momenten, in denen wir unsere Maske ablegen können. 

Beim Schreiben kann ich mich treiben lassen. 

Meistens weiß ich am Anfang eines Textes selbst nicht, wo er hinführen wird, sondern schreibe über alles, was mich bewegt. Über das Leben und die Liebe. Über traurige Momente, Herzschmerz, Einsamkeit und Leid. Weil diese Gefühle hin und wieder da sind und ich mich nicht mehr für sie schäme. Viel zu lange habe ich mir selbst das Wort verboten. Aus Angst, meine Zeilen würden von den falschen Menschen gelesen werden. Doch ich will endlich wieder loslassen. Mir alles, worüber ich die letzten Wochen und Monate geschwiegen haben, von der Seele schreiben. Ich habe mir selbst schon zu viel Zeit geraubt. Zeit, in der ich Mauern baute und Ängste entwickelte. Und manchmal, da überkommt mich immer noch der Schmerz, besonders in den stillen Momenten. Heute komme ich besser damit klar, doch für eine lange Zeit fiel es mir schwer, ihn wieder loszulassen. Definierte mich nur über meine Wunden. Strich immer wieder drüber, um mich daran zu erinnern, was sie mich gelehrt haben. Dass unser aller Leben unberechenbar ist. Dass wir alle auf wackeligem Boden stehen. 

Ich habe mich immer wie ein Alien gefühlt. 

Alleine mit meinen Gedanken, als könnte sie nie jemand verstehen. Ich glaubte, die Dunkelheit sei alles, was mich ausmacht. Dass ich Nervenkitzel bräuchte, um mich lebendig zu fühlen. Über die Stränge schlagen muss, um meinen Puls zu spüren. Viel Alkohol trinken, um die mutige Seite in mir hervorzulocken. Essen, um die Leere zu füllen. Aber in Wahrheit werde ich immer langweiliger. Ich bekomme erste Fältchen, investiere die meiste Zeit in meine Arbeit und liege oft schon um acht Uhr im Bett. Jeden einzelnen Tag arbeite ich daran, gut zu sein. Allen voran zu mir selbst. Ich arbeite daran, positive Gedanken zuzulassen. Fürsorglich mit mir umzugehen. Mich von meinen unsichtbaren Ketten zu befreien, die mich jahrelang zurückgehalten haben. Alkohol abzulehnen und mich so zu repräsentieren, wie ich wirklich bin. Manchmal ruhig. Oft sarkastisch. Immer wissbegierig. 

Hätte man mir vor sechs Jahren erzählt, wie mein Leben heute aussieht, hätte ich es nicht für möglich gehalten. 

Hätte man mir erzählt, dass ich viel Gemüse esse, verliebt bin und mein Geld damit verdiene, zu gestalten und schreiben, hätte ich laut gelacht. Hätte man mir erzählt, dass ich gerne mit dem Hund rausgehe, mich abends ausgiebig dehne und in Situationen der Ungerechtigkeit für mich selbst einstehen kann, hätte ich pessimistisch abgewunken. Und hätte man mir erzählt, dass ich mich von meiner Vergangenheit löse, Dinge verzeihe, für die ich nie eine Entschuldigung erhalten habe und mich beinahe mühelos von Menschen distanziere, die mir nicht gut tun, hätte ich es niemals glauben können.

Natürlich bin ich unfassbar glücklich darüber. Über all diese Veränderungen, die mich stärker gemacht haben. Aber der Weg hierhin war alles andere als leicht. Ist er bis heute nicht. Er war schmerzhaft, enttäuschend und an manchen Tagen hat er mir das Herz gebrochen. All die Gedanken und Erinnerungen kehren heute noch manchmal zurück und so sehr ich mir auch wünschte, dass manche Dinge niemals passiert wären, so haben sie mich zu dem Menschen geformt, der ich heute bin.

Ich bin so dankbar dafür, dass ich wieder lachen kann. Aus tiefstem Herzen. Ich kann wieder albern sein und unvernünftig und sarkastisch. Ich kann wieder vor die Tür gehen, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, und nicht alles so ernst nehmen. Diese Leichtigkeit besitze ich nicht ständig, aber für viele Jahre hatte ich sie komplett verloren. Ich hatte mich verloren. Mich so lange versteckt und in die letzte Reihe gestellt, dass ich für mich zu einer Fremden wurde. 

Meine Wunden wurden zu Narben.

Sie sind noch da, immer noch ein Teil von mir. Aber sie bestimmen mich nicht mehr. Denn ich bin mehr, als meine Vergangenheit. Ich dachte, ich würde da niemals rauskommen. Aus meinen eigenen Fängen. Ich dachte, mein Leben würde für immer in diese destruktive Richtung gehen. Habe mich für Vieles geschämt. Für so manche Entscheidungen, die ich getroffen habe. Für so manche Begegnungen, die niemals aufrichtig waren. Aber ich bin, wie ich bin. Weil ich all das erlebt habe. Weil ich all das überlebt habe. Weil ich mich geöffnet und darüber geschrieben habe. Weil ich neue Wege gefunden habe, mit all dem Schmerz umzugehen und ihn in Liebe umzuwandeln. Weil ich nicht mehr weglaufe, mich nicht mehr verstelle, nicht mehr in ein eng geschnürtes Korsett passen will. Vielleicht ist es langweilig, dass ich lese und schreibe und Gemüse esse. Vielleicht ist es langweilig, dass ich früh schlafen gehe und statt Wein lieber Wasser trinke. Damit kann ich gut leben. Das war schon immer meine Natur, ich habe sie nur lange verleugnet. Erst jetzt habe ich so wirklich verstanden, dass ich meine Traurigkeit, Melancholie, meine Schwächen und Unsicherheiten, all die Facetten, für die ich mich manchmal schäme, nicht mehr von mir wegstoßen darf. Ich muss sie endlich annehmen und mir verinnerlichen, dass sie keine Fehler sind, die ich berichtigen muss. 

Ich öffne hier mein Innerstes, in der Hoffnung, dass sich jemand durch diesen Text verstanden fühlt. In der Hoffnung, dass sich jemand nicht mehr ganz so alleine fühlt. Ich bin mitten auf dem Weg der Heilung, und wer weiß, vielleicht bleibe ich dort auch mein Leben lang. Denn ich habe noch so vieles nicht verstanden. So vieles nicht ergründet. So viele Lektionen noch zu lernen. Und ich kann es kaum erwarten.

"The past is not an anchor – do not let it sink you. You may have done this or that, but that is behind you. You are not your failures. You are not your mistakes. You are the creator of your future." – Sydney Correa










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